Ein ungebetener Gast
Es war ein herrlicher lauer Sommertag. Die Sonnenblumen strahlten mit der Sonne um die Wette und unter meinem geöffneten Fenster verströmten die Rosen, einen herrlichen süßlichen Duft, als jemand sehr eindringlich an meine Haustür klopfte. Dieses plötzliche Klopfen, riss mich recht unsanft aus meinen Kurzweilträumereien denen ich mich für einige Minuten, in meinem Lieblingssessel, nach all den Vorbereitungen für das Wochenende, hingegeben hatte. Wer konnte dies sein? Die Anderen wollten doch erst gegen Abend anreisen. Wenn auch noch leicht schläfrig trollte ich mich zur Tür und öffnete diese. Ich erschrak ein wenig, als ich die mir bekannte Gestalt erblicke. Zwar hatten wir uns Jahre nicht gesehen, doch erkannte ich sie sofort wieder. Ohne mich im Geringsten zu beachten, schlug sie die Tür bis zum Anschlag auf, rausche an mir vorbei, auf dem direkten Wege ins Wohnzimmer. Dort angelangt, ließ sie sich, ohne auch nur ein Wort zusagen, einfach in meinen Lieblingssessel fallen.Ich stand noch immer regungslos in der Tür und starrte dieser seltsamen Gestalt völlig fassungslos hinterher. Ausgerechnet jetzt! Ich wusste überhaupt nicht, was ich zu einem solchen unflätigen Benehmen sagen sollte. Wir kannten uns – ja, aber ich wollte sie am liebsten auf der Stelle wieder hinauswerfen oder sollte ich sie doch lieber freundlich aber bestimmt hinaus bitten? Eins war sicher, ich wollte sie auf gar keinen Fall hier haben! Wer sie war, wusste ich ja schon vom ersten Augenblick an, als ich sie vor der Tür erblickt hatte. Aber wie sollte ich mich ihr gegenüber nun verhalten? - Der überwältigenden Trauer!
Schließlich hatte sie sich weder zuvor bei mir angemeldet, noch mich beim Eintreten eines Blickes gewürdigt, geschweige denn mich freundlich begrüßt. Sie hatte sich einfach ungefragt Zutritt in mein Eigenheim verschafft, sich meines Lieblingssessels bemächtigt und war nur dabei, es sich auch noch ganz und gar gemütlich und bequem zumachen. Solch eine bodenlose Frechheit, war mir bis jetzt noch nicht untergekommen. So schloss ich die Haustür, ging zu ihr ins Wohnzimmer und setzte mich ihr gegenüber, auf mein Sofa und starrte sie unverwandt an. Und dachte bei mir, irgendwann wird sie mir schon mitteilen, was genau sie von mir wollte und warum sie hier sei. Doch nichts dergleichen geschah, also fragte ich sie höflich, warum sie mich einfach ohne Voranmeldung besuchte. Ich erklärte ihr, dass ich für sie nun wirklich keinerlei Zeit hätte und dass sie sich doch bitte wieder auf den Weg machen sollte. Sie könnte ja irgendwann später noch einmal vorbeikommen, aber jetzt wäre es wirklich ganz unpassend. Zudem würde ich gleich netten Besuch bekommen und es wäre wirklich nicht genug Platz im Haus für so viele Besucher.
Wie nicht anders zu erwarten, starrte sie mich stumm mit ihren kühlen, ausdruckslosen Augen an. Ich überlegte eine Weile, stand auf und brachte ihr höflicher Weise eine Tasse Kaffee und ein Stück selbstgebackenen Kuchen. Wortlos setzte sie die Tasse an die Lippen trank vom Kaffee und as den Kuchen mit einer nervenaufreibenden Ruhe auf. Ich schaute dabei ständig auf die Uhr und wurde zunehmend nervöser. Wie konnte ich diesen ungebetenen Gast noch vorm Eintreffen meinen anderen Gäste dazu bringen mein Haus wieder zu verlassen? Was würden denn die Anderen bloß von mir denken, wenn sie das Wohnzimmer betreten und die Trauer dort im Lieblingssessel erblickten? Dann würde unser geplantes fröhliches Wochenende doch gleich mit einem Stimmungstief beginnen. Wer von ihnen würde denn schon gern in einem von der Trauer besetzten Haus ein sorgenfreies, fröhliches, ausgelassenes Wochenende verbringen wollen oder gar können? Ich musste sie also schnellst möglich wieder loswerden, das war klar!
Also setzte ich mich zu ihr auf die Sessellehne, legte ihr meinen Arm freundschaftlich um die Schultern und schaute ihr dabei freundlich in ihre ausdruckslosen Augen. Nahm behutsam aber bestimmt ihre kalte, bleiche Hand verabschiedete mich in aller Höflichkeit von ihr. Dankte ihr für ihren unaufgeforderten Besuch, ermunterte sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder zukommen und versuchte sie mit sanften Druck aus dem meinem Sessel zuschieben. Aber es nütze nicht, sie machte sich schwer wie Blei und lehnte sich mit aller Macht noch weiter in den Sessel zurück. Also gut dachte ich, wenn Du nicht willst dann muss es eben mit Gewalt sein. Ich zog und zerrte an ihr! Ich schrie sie an, dass sie endlich mein Haus auf der Stelle verlassen sollte, weil ich sie unter keinen Umständen länger hier dulden würde und sie mir gehörig auf die Nerven ginge. Sie mir den ganzen Spaß an meiner geplanten Feier verderben und vermiesen würde. Das ich überhaupt keine Lust hätte, mich mit ihr abzugeben und das sie die einfälltigste, ja - unverschämteste Gestalt wäre, die mir je im Leben begegnet wäre und das sie sich gefälligst ein anderes Haus suchen sollte, das sie mit ihrer Anwesenheit belästigen könne. Aber all mein Toben und Wettern nütze nichts. Sie blieb bewegungslos in meinem Lieblingssessel sitzen und starrte mich durchdringend an. Ich begann zu weinen. Ich flehte sie in meiner ganzen Hilflosigkeit an, sie möchte doch ein Einsehen haben und endlich das Haus wieder verlassen. Aber, sie blieb! Unversöhnlich und stumm hockte sie nun da und ließ sich durch absolut nichts dazu bewegen ihren Platz zu verlassen. Ich sah auf die Uhr und erschrak, die Anderen würden gleich hier sein. Ausgelassen, fröhlich und unverkrampft würden sie auf ein schönes Wochenende bei mir hoffen und ich? Ich stand hier völlig aufgelöst, verheult, mit zerzausten Haaren und zerwühlter Kleidung, dem Wahnsinn nah. Panik stieg in mir auf. Wie werde ich diese Trauergestalt nur je wieder los?! Wird sie überhaupt je wieder meinen Sessel verlassen?
Es klingelte an der Tür. Ich zuckte zusammen. Oje, die Anderen waren da – ich sah auf die Trauer die mich immer noch anstarrte – lächelte sie da etwa? Ich hatte keine Zeit mehr und schob unter dem Aufgebot meiner ganzen körperlichen Kräfte den Sessel samt Trauer in die hinterste Ecke des Wohnzimmers und stellte einer meiner großen Pflanzen davor, so würde sie wenigstens nicht gleich jeden ins Auge fallen. Ich lief auf den Flur hinaus, strich meine Kleidung glatt, wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und kämmte mein Haar. Setzte ein Lächeln auf und öffnete die Tür.
Da standen sie meine Wochenendgäste, lachend, mit kleinen Geschenken in der Hand, mit bunten Blumensträußen bewaffnet und begrüßten mich überschwänglich. Sie schnatterten alle fröhlich durcheinander und wir freuten uns darüber, uns wieder zu sehen. Ich betrat mit ihnen herzklopfend das Wohnzimmer. Würden sie die Trauer gleich entdecken oder würde sie unentdeckt bleiben? Sie entdecken sie nicht. Aber dennoch, fühlte ich mich die ganze Zeit über unwohl. Ich spürte, dass sie mich nicht aus den Augen ließ. Sie starrte die ganze Zeit beobachtend über meine Schulter. Zwar sagte sie nichts und auch die Anderen bemerkten sie nicht. Doch spürten sie, das mich etwas bedrückte und fragten ob es mir auch wirklich recht wäre, das sie mich besuchten und ob es auch keine Umstände machte, das sie das Wochenende bei mir verbringen würden. Ich versuchte sie zu beruhigen und log ihnen vor, dass es mir prächtig ginge und dass es toll war sie alle hier zu haben. Und im Grunde war es ja auch so, schließlich konnten sie ja nicht ahnen, das in der Ecke, hinter der großen Birkenfeige die Trauer in meinem Lieblingssessel saß und uns alle von ihrem Versteck heraus beobachtete. Das es genau dieser heimliche Zustand war, der mich verunsicherte und mich der ständigen Angst aussetzte, jemand könnte sie dort entdeckten. Je mehr Zeit jedoch verging, umso gelassener wurde ich wieder. So hatten wir viel Spaß miteinander. Wir erzählten, lachten und schwelgen gemeinsam in unseren Erinnerungen, machten Pläne für ein nächstes Treffen.
So neigte sich der gesellige Abend schon fast dem Ende, als sich eine Blumen liebende Freundin, ganz unbemerkt von mir, meiner großen Birkenfeige in der Ecke näherte. Wir lachten gerade über eine kleine Anekdote, als ein schriller, spitzer Schrei uns alle schlagartig verstummen ließ. Mir lief es eiskalt über den Rücken, ich sah meine Freundin, die wie angewurzelt vor der Pflanze stand, schreckensbleich und zu Tode erschrocken, fassungslos starrte sie auf die Gestalt die sich hinter der Birkenfeige versteckt hielt. Ich hatte das Gefühl ohnmächtig zu werden. Inzwischen starrten nun auch schon alle anderen auf diese Ecke und erhoben sich langsam von ihren Plätzen, um sich dieses Ding in der Ecke, näher betrachten zu können. Es herrschte eine bedrückende, zum zerreißen gespannt Stimmung. Meine Pflanzen liebende Freundin, schob mit leicht zitternden Händen die große Pflanze zur Seite. Alle sahen wir nun auf die Trauer hinunter. Ich erklärte meinen sprachlosen Besuchern, mit tränenerstickter Stimme, das es mir furchtbar leid täte, das sie hier wäre, aber das sie mich heute ganz einfach unaufgefordert besuchen kam und das ich sie nicht dazu bewegen könnte, das Haus wieder zu verlassen.
Meine Freundinnen nahmen mich eine nach der anderen in den Arm und wir beratschlagten gemeinsam, wie wir sie zum Gehen bewegen könnten. Jeder meiner Besucher hatte einen anderen Vorschlag, den wir dann nacheinander an der Trauer ausprobierten. Doch auch jetzt ließ sich die Trauer nicht dazu bewegen ihren Platz auch nur Ansatzweise zu verlassen oder auch nur ein ganz winziges Stückchen zu rücken. Sie saß warten, unerbittlich, ja schon fast hochmütig auf ihrem Thron und zeigte uns die kalte Schulter.
Ich war verzweifelt, nichts und niemand konnte sie zum Fortgehen bewegen. Meine Freundinnen waren ratlos. Aus unserem fröhlichen Wochenende, war ein Problembewältigungswochenende geworden. Alle dachten wir angestrengt nach, kaum jemand sprach, keiner lachte und wenn nur ganz leise. Jeder versuchte ganz besonders nett und zuvorkommend mir gegenüber zu sein. Alle aber bedauerten meine Situation zutiefst, hatten aber selbst keine Lösung für mein Problem. Also reisten sie Sonntagabend unverrichteter Dinge wieder ab. Von dem fröhlichen, unbelasteten Wochenende, das wir verbringen wollten, war nichts mehr zuspüren. Alle verließen bedrückt, aber mit den besten Wünschen für die schier unlösbare Situation, mein Haus. Und ich blieb in meinem von der Trauer besetzten Haus allein zurück.
Herrgott, es muss doch wohl möglich sein, Herr der Lage zu werden!
OK, sie will nicht hinaus aus dem Haus und im Wohnzimmer ist für uns zwei aber definitiv zuwenig Platz. Was also konnte ich tun? Also habe ich angefangen, sie irgendwie in mein Leben mit einzubauen. Erst habe ich sie eben versucht möglichst zu verstecken, so dass sie meine Besucher sie nicht gleich sehen konnten. Aber ich begann meinen Lieblingssessel so sehr zu vermissen, dass ich beschloss sie unter Aufwartung sämtlicher Kräfte auf Sofa zu verfrachten. Was aber mit sich brachte, das sie nun mitten in meinem Leben stand, für alle sichtbar und nicht mehr zu übersehen. Für einige Besucher, war die Trauer so beängstigend, das sie mich nie wieder besuchten. Andere wiederum kamen regelmäßig beäugten sie misstrauisch, stellten mir viele Fragen, sprachen leise und gedämpft und machten sogar heimlich Fotos von ihr, wenn ich hinaus ging um etwas zu holen. Wieder andere ignorierten sie völlig. Die wenigsten aber, begrüßten sie freundlich, sahen sie an und sprachen mit ihr, obwohl sie ihnen nicht antwortete. Sie fragen mich nach meinen Gefühlen, aber sonst benahmen sie sich so wie immer. Zu Silvester behängten wir sie mit Papiergirlanden, Ostern bekam sie ein Osternestchen in den Schoß gelegt und auch sonst eignete sie sich manchmal recht gut als Kleiderständer oder war auf ihre Art und Weise eben für mich nützlich. Ja, ich könnte sagen wir freundeten uns regelrecht mit der Trauer an, wir hatte sogar unseren Spaß mit ihr.
Es kam allerdings der Tag, dass es wirklich mal wieder Zeit wurde, mein Wohnzimmer zu renovieren. Meine mir hilfreichen Freunde halfen mir und gemeinsam schleppten wie die schwere Last der Trauer vorübergehen ins Gartenhäuschen, dort setzten wir sie auf einen Stuhl und deckten sie vorsichtshalber mit einem saueren Laken ab. Wir waren alle sehr froh darüber, das wir es gemeinsam gewagt hatten die Trauen einfach aus dem Haus zu bringen. So saß ich nach dieser langen Zeit, endlich in meinem frisch renovierten, trauerfreien Wohnzimmer. Aber irgendwie fehlte mir etwas. Ich fühlte mich auf unerklärlicher Weise so leer, traurig und allein. Ich schaute zum Fenster hinaus, hinüber zum Gartenhaus, dort saß sie die Trauer unbeweglich, zugedeckt mit dem sauberen Laken. Ich schaute auf sie und bekam Mitleid mit ihr. So zog ich mir meine Schuhe an und schlenderte zum Gartenhäuschen, zog das Laken weg und sah der Trauer wortlos in ihre ausdruckslosen Augen. Ich nahm ihre zarte, blasse Hand zog sie daran. Sie schaute mich immer noch teilnahmslos an. Ich sah ihr fest in die Augen und sagte: „ Bitte komm mit mir zurück in mein Wohnzimmer, ich fühle mich so allein ohne Dich!“ Die Trauer zucke ganz leicht, fast unspürbar zusammen. Sie schaute mich an, begann ganz unmerklich zu lächeln, stand langsam auf und schritt mit mir Hand in Hand zurück in mein Wohnzimmer. An sich hatte ich erwartet, das sie sich nun sofort wieder in meinen Lieblingssessel stürzten würde, aber nein, sie blieb stehen und sah mich fragend an. Ich wurde fast ein wenig verlegen und bat sie doch sich einen Platz auszusuchen. Zu meiner Überraschung setzte sie sich auf einen kleinen Schemel unter das offene Fenster, den Blick in den Garten gerichtet, atmete sie tief den berauschenden Duft der blühenden Rosen ein und drehte sich lächelnd zu mir um und sagte mit einer angenehmen, ruhigen Stimme: „ Danke, das ich nun endlich willkommen bin!“
Seither leben wir gemeinsam in meinem Haus, lachen, weinen, feiern und lieben zusammen und wenn Gäste kommen die Angst vor ihr haben, geht sie nun einfach hinaus in den Garten und gießt unsere Rosen, wenn unsere gemeinsamen Freunde kommen, feiern wir zusammen und genießen uns gegenseitig. Ich bin froh dass ich sie wieder in mein Wohnzimmer geholt habe, wo sie nun einen unbedrohlichen Platz in meinem Leben eingenommen hat.
(Autorin: Sabine Hirnich)
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