Für kleine Schmökerhasen


Das Apfelmäuschen

Die Geschichte vom Apfelmäuschen

Es war einmal an einem schönen sonnigen Herbstmorgen, als etwas Kleines durch das Unterholz huschte. Es hatte ein graues, weiches Fell, winzige kleine Kulleraugen und eine vorwitzige kleine Nase mit zittrigen, langen Barthaaren. Du ahnst sicherlich schon von wem hier die Rede ist.
Ich stand noch immer regungslos in der Tür und starrte dieser seltsamen Gestalt völlig fassungslos hinterher. Ausgerechnet jetzt! Ich wusste überhaupt nicht, was ich zu einem solchen unflätigen Benehmen sagen sollte. Wir kannten uns – ja, aber ich wollte sie am liebsten auf der Stelle wieder hinauswerfen oder sollte ich sie doch lieber freundlich aber bestimmt hinaus bitten? Eins war sicher, ich wollte sie auf gar keinen Fall hier haben! Wer sie war, wusste ich ja schon vom ersten Augenblick an, als ich sie vor der Tür erblickt hatte. Aber wie sollte ich mich ihr gegenüber nun verhalten? - Der überwältigenden Trauer!
Ja, ganz genau! Es war ein kleines, graues Mäuschen, das mit seinen kurzen Beinchen flink über die vielen Hölzchen und Stöckchen hüpfte. Um es herum duftete es überall, herrlich nach frischem Herbstlaub. Doch was war denn das? Da lag doch noch etwas mit in der Luft, etwas das ganz süßlich und fruchtig roch. Etwas das dem Mäuschen die schönen Erinnerungen an den Sommer, auf einen Schlag, wieder zurückbrachte. Die wärmenden Sonnenstrahlen, das Vogelgezwitscher, das leise Plätschern des Bachlaufs und die Blütenpracht im Garten des Bauern. Ja, nach all dem duftet es hier auf einmal so herrlich verlockend. Als nun das Mäusekind um die Ecke eines dicken Findlings bog, sah es dieses Ding, dessen Duft unsere kleine Maus so ins Schwelgen versetzt hatte. Es war fast so rund wie eine Kugel, hatte oben auf seinem Kopf einen braunen, kurzen Stängel an dem 2 grüne Blättchen geradezu wie ein kleines Dach wuchsen. Seine Schale war rot wie Blut und blitze im Sonnenschein, wie eine Spiegelscherbe. Voller Entzücken darüber, einen solch wundervollen Fund direkt am frühen Morgen gemacht zu haben, lief das Mäuschen näher heran. Sicherlich hast Du ja längst schon erraten, um welches großartige Fundstück es sich hier handelte … Stimmt, es war ein herrlich duftender, rot glänzender Apfel! Der in der Sonne am Boden lag und dort seinen anmutigen Duft noch stärker als gewöhnlich verbreitete. Unser Mäusekind musste feststellen, das der Apfel innen ganz hohl war. Irgendjemand hatte ihn schon zu vor gefunden und ausgehöhlt. Das Loch in der Schale, war wie eine kleine Eingangstür heraus gefressen worden. Das Mäuschen stellte sich vor, das es wohl ganz etwas feines sein müsse, wenn es hier in diesem Apfel wohnen könnte. In diesen schönen glänzenden, fruchtigen, runden Ding. Es lief auf den Gedanken hin davon, um ganz in der Nähe nach frischem Moos und Blättern zusuchen. Als es das Moos gefunden hatte, zupfte es ein wenig heraus und nahm es mit in seinen Apfel. Es bereitete sich in seiner Apfelhöhle ein weiches, flauschiges Moosbettchen mit einem Blätterdeckchen. Es schlüpfte hinein und schloss das Schalentürchen fest hinter sich zu. Kuschelte sich in sein gerade frisch gemachtes Bettchen und schlief vor lauter Glückseeligkeit, ganz tief ein.
Wie nicht anders zu erwarten, starrte sie mich stumm mit ihren kühlen, ausdruckslosen Augen an. Ich überlegte eine Weile, stand auf und brachte ihr höflicher Weise eine Tasse Kaffee und ein Stück selbstgebackenen Kuchen. Wortlos setzte sie die Tasse an die Lippen trank vom Kaffee und as den Kuchen mit einer nervenaufreibenden Ruhe auf. Ich schaute dabei ständig auf die Uhr und wurde zunehmend nervöser. Wie konnte ich diesen ungebetenen Gast noch vorm Eintreffen meinen anderen Gäste dazu bringen mein Haus wieder zu verlassen? Was würden denn die Anderen bloß von mir denken, wenn sie das Wohnzimmer betreten und die Trauer dort im Lieblingssessel erblickten? Dann würde unser geplantes fröhliches Wochenende doch gleich mit einem Stimmungstief beginnen. Wer von ihnen würde denn schon gern in einem von der Trauer besetzten Haus ein sorgenfreies, fröhliches, ausgelassenes Wochenende verbringen wollen oder gar können? Ich musste sie also schnellst möglich wieder loswerden, das war klar!
Als es nach einiger Zeit wieder erwachte, hörte es draußen den Bauern, wie er mit seinem Traktor den Hof verließ, um die späten Kartoffeln auszumachen und wie der Hund ihm dabei zum Abschied hinterher bellte. Ach wie wundervoll gemütlich war es doch hier in seinem Apfelhäuschen. Doch verspürte es wieder die Lust in sich, eine neue Entdeckung zumachen. Es klappe also sein Türchen wieder auf, schaute hinauf zu seinem Apfeldach und überlegte, wie es wohl dort oben aussehen mochte. Kurzerhand versuchte es auf sein Apfeldach hinauf zu klettern, doch die Schale des Apfels war so glatt, das es immer wieder herunterrutschte. Unsere Maus überlegte, was es wohl bräuchte um auf sein Dächlein steigen zu können. Nach einer Weile des Überlegens, kam ihm die Idee sich aus dem Tannenwäldchen, das am hinteren Gartentörchen lag, einen größeren Tannenzapfen zu suchen, den es dann als Leiter benutzen könnte. Gesagt & getan, lief es dorthin und suchte sich ein besonders schönes Exemplar von Zapfen und schleppte ihn unter einigen Mühen zurück zum Apfelhäuschen. Lehnte in an die Schale und hüpfte hinauf und von dort aus aufs Dach. Welch eine überwältigende Aussicht es doch von hieraus hatte. Es schaute entzückt in alle Himmelrichtungen, ließ sich genussvoll den Wind um die Schnurrbarthaare wehen und war restlos Glücklich mit sich und der Welt. Und wenn unser Mäusekind nicht gestorben ist, lebt es sicher noch heute im Apfelhäuschen unter dem Apfelbaum des Bauern.

(Autorin: Sabine Hirnich)

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